„Niemand, der heute hier ist, hat vergessen“
Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), war seit dem 28. Oktober 2009 Bundesminister der Verteidigung, als der Krieg in Afghanistan, in dem die Bundeswehr seit 2001 kämpfte, am 2. April 2010 eskalierte: An diesem Tag saß der Minister mit seiner Familie in einem Flugzeug nach Südafrika. Er war auf dem Weg in den Osterurlaub, als ihn die Nachricht vom verlustreichen Karfreitagsgefecht erreichte, in dem die 3. Kompanie des Fallschirmjägerbataillons 373 an diesem Tag gegen die Taliban unweit der Stadt Isa Khel im Nordosten Afghanistans gekämpft hatte. Drei Kameraden, der Hauptfeldwebel Nils Bruns, Hauptgefreiter Martin Augustyniak und Stabsgefreiter Robert Hartert waren am Ende des Tages tot, gefallen in einem Krieg, von dem nicht wenige dachten: Wofür?
Guttenberg kehrte umgehend um und erwies in einem Hangar auf dem Flughafen Köln-Wahn den drei Gefallenen die letzte Ehre, als die Särge mit einer Transportmaschine in der Heimat ankamen. Es war ein langer Flug nach Hause. „Mir wurde deutlich, welche verdammte Verantwortung man als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt hat“, wird zu Guttenberg später am Ehrenhain für die Gefallenen des Afghanistan-Krieges bei seiner kurzen Ansprache sagen.
„Als die Särge mit den gefallenen Kameraden in dem Hangar ankamen, hatte das Gebäude plötzlich Würde“, sagt er auch. „Wichtig ist, dass wir nicht vergessen, niemand, der heute hier ist, hat vergessen. Aus der Erinnerung, die wir in uns tragen, ist Verantwortung erwachsen.“ Guttenberg stiftete als Minister nach dem Kampf zum Karfreitag die Einsatzmedaille Gefecht.

Stabsfeldwebel Naef Adebar war der erste, der beim Karfreitagsgefecht in feindliches Feuer geraten war. Er ist an diesem Nachmittag selbstverständlich auch gekommen, als sich die Kameraden des Golf- und Foxtrott-Zuges 15 Jahre nach dem Kampf bei Isa Khel wieder treffen. Im Wald der Erinnerung auf dem Gelände der Henning-von Tresckow-Kaserne in Schwielowsee nahe Potsdam haben sich gut 100 Soldaten, Angehörige, Hinterbliebene und Gäste versammelt, um diesen Jahrestag gemeinsam zu begehen.
„Es sind gemischte Gefühle“, sagt Naef Adebar. „Man trifft viele der Freunde, Kameraden, die man manchmal 15 Jahre nicht gesehen hat, wieder. Die Traurigkeit wird gleich kommen, wenn wir zum Ehrenhain gehen. Gefühle, die lange nicht so stark waren, übermannen einen wieder“, weiß Adebar. Die Witwe von Martin Augustyniak ist auch dabei. 2020 wurde wegen der Corona-Pandemie das geplante Treffen zum 10. Jahrestag abgesagt.
„Bist Du Bolle?“ Er ist es. Unweit des Ehrenmals im Wald der Erinnerung kommen die ersten Männer an, manche umarmen sich - es ist die Erinnerung ans Karfreitagsgefecht, die sie alle in Schwielowsee bei Potsdam zusammenbringt. 15 Jahre danach. Es wird gleich gefühlvoll werden, manchen wird die Erinnerung an die Ereignisse bei Isa Khel wieder einholen – die Erinnerung an die drei gefallenen Kameraden ist immer noch mächtig, auch 5475 Tage nach dem blutigsten Tag in der Geschichte der Bundeswehr. Nach dem 2. April 2010 sprach man auch in der Heimat vom Krieg in Afghanistan, in dem deutsche Soldaten kämpfen. Ein Krieg, der im Sommer 2021 nach 20 Jahren Kampf am Hindukusch für die Deutschen endete, der 59 Tote und ungezählte Verwundete forderte.
Ehefrauen und Freundinnen sind da, Witwen und hinterbliebene Angehörige, Kinder: Es ist wie ein Familientreffen aus traurigem Anlass. Für die meisten ist es aber wichtig, an diesem Tag nicht allein zu sein. In der Gemeinschaft der Kameraden lässt sich die Erinnerung besser ertragen.

„Heute ist ein wichtiger Tag für die ganze Bundeswehr. Der 2. April 2010 ist ein einschneidender Tag. Es ist ein beeindruckendes Zeichen, dass sie alle den Weg so zahlreich hierher gefunden haben“, sagt Generalleutnant Alexander Sollfrank zur Begrüßung. Er ist Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr. Auch der frühere Minister Karl-Theodor zu Guttenberg ist angereist, ebenso Hellmut Königshaus (FDP), der 2010 Wehrbeauftragter war, und Brigadegeneral Matthias Lau, 2010 Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons. Die Verbundenheit zu den gefallenen und überlebenden Kameraden zeigt mit seiner Anwesenheit auch Generalleutnant a.D. Frank Leidenberger. Er war am Tag des Karfreitagsgefechts Kommandeur der Luftlandebrigade 31, zu dem das Fallschirmjägerbataillon 373 gehörte, und ISAF-Regionalkommandeur Nord in Afghanistan.
„Der Drill, das Beherrschen des Handwerkes ist sehr wichtig. Aber auch die kleine Kampfgemeinschaft. Das Band der Kameradschaft bekommt eine völlig neue Bedeutung. Wer gemeinsam im Einsatz war, weiß, dass es dieses unsichtbare Band ist, das einen durch dick und dünn führt“, beschreibt Sollfrank, wie sich die Soldatinnen und Soldaten nach 15 Jahren beim Wiedersehen im Wald der Erinnerung fühlen. „Deswegen ist es auch so wichtig, immer wieder zusammen zu kommen und derer, die fehlen, zu gedenken. Wir vergessen nie. Das ist die Verbundenheit des Einsatzveteranen.“ Die drei Gefallenen vom Karfreitag seien Vorbild in Pflichterfüllung, sagt Generalleutnant Sollfrank. „Man muss sich ihrer deshalb immer an ihr Opfer erinnern. Eine solche Erinnerungskultur muss fester Bestandteil unseres Traditionsverständnisses sein.“

Der Deutsche BundeswehrVerband hat einen Kranz für diesen Gedenktag im Wald der Erinnerung gestiftet. Er wird später, begleitet vom stellvertretenden Bundesvorsitzenden, Oberstleutnant i.G. Marcel Bohnert, durch das Spalier der Soldaten vom Golf- und Foxtrott-Zug der 3./Fallschirmjägerbataillon 373 nach oben zum Ehrenhain für die Gefallen von Afghanistan getragen und dort aufgestellt. Ein Trompeter spielt dazu „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Militärdekan Bernd Schaller bittet Gott um seinen Segen und sagt: „Der blaue Himmel ist ein Zeichen der Hoffnung. Die Erinnerung an die Gefallenen spendet uns immer Lebensfreude. Der ist der Edelste, der das meiste fürs Vaterland tut. Die drei Gefallenen haben etwas bewegt und bewegen immer noch.“